Arzua – O Pedrouzo
Entlang des Weges habe ich leider auch einige Unfälle mitbekommen. Die Schlimmsten davon sind durch Grabstätten, wie ich am Anfang meines Weges erzählt habe, dokumentiert. Pilger, die sich übernommen haben, Stürze, Einsätze von Rettungswägen sieht man immer wieder. Meist beim Bergabgehen geschehen solche Missgeschicke. Ich hatte gestern auch ein solches Erlebnis: nicht am Weg und nicht beim Hinuntergehen sondern in meinem Hotel beim Hinaufsteigen der Treppe: bleibe bei einer Teppichkante hängen, stürze und knalle mit dem Kopf gegen eine Mauer. Autsch. Ein nettes Paar aus Granada ist gleich zur Stelle. Sie ist Ärztin, er Psychiater. Hab ich ein Glück! Sie untersucht (Nase nicht gebrochen, Beule auf der Stirn wird erwartet), er bedüdelt mich, redet mit mir, lenkt mich ab, macht Scherze. Ich mache etwas vollkommen Sinnloses während sie mir ein rotes Gel auf meine Nase schmiert: schreibe Erwin ein WhatsApp: bin gestürzt. Was soll er in Wien jetzt machen, außer sich sorgen. Das tut er auch, ruft mich gleich an, ich kann aber nicht groß erklären weil Frau Doktor mir allerlei Fragen stellt. Anscheinend zu ihrer Zufriedenheit beantwortet, denn ich bin mit einem Eisbeutel auf mein Zimmer entlassen. Danke, Joaquin und Margarita!
Mit Eisbeutel am Kopf rufe ich dann Erwin zurück und habe gleich den 2. Doktor und Psychiater in einer Person am Apparat. Aber: alles gut, nix ist g’scheh’n!
Das Wetter zeigt sich in der Früh gnädig und so trauen sich auch wieder die Pilgertouristen aus ihren Hostels. Familien mit Kindern und Hunden, Fahrradfahrer, sportlich Junggebliebene mit Handtaschen.



Meine Schuhe sind wegen der gestrigen Dauerberegnung noch etwas beleidigt und lassen mich nach einer halben Stunde wissen was sie von den matschigen Waldwegen so halten. Ich schwimme in ihnen herum. Aber so kurz vor dem Ziel macht das alles gar nichts.

Unter den Altpilgern ist mein gestriger Unfall das Thema Nr.1. Ich soll aufpassen, jetzt so kurz vor dem Ziel.

Man merkt, das Ende des Weges naht: die Stimmung ist euphorisch, jeder freut sich endlich Santiago zu erreichen. Meine erste Etappe bis A Salceda gehe ich ohne Pause durch und finde dann ein nettes Kiosk um meine Schuhe und Socken wieder zu trocknen. Nur noch 7 Kilometer heute, das ist ein Klacks. Ich breche auf und bemerke nach zwei Kilometern den düsteren Himmel hinter mir. Da bahnt sich etwas an. Rucksack herunter, Hose und Poncho an, das geht schon ganz flüssig bei mir. Von den Jung-Pilgern ernte ich mitleidiges Lächeln als ich bei strahlendem Sonnenschein mit meiner Gartenzwerg-Montur an ihnen vorbei marschiere. Mir egal. Ich wandere weiter in einen Wald und plötzlich: ein Donner und der Himmel öffnet seine Schleusen wie in einer Waschstraße. Die Jungspunde wissen gar nicht wie ihnen geschieht und wer zuerst wessen Rucksack halten soll, weil in dem matschigen Waldweg, der sich binnen Sekunden gebildet hat, kann man ihn ja nicht ablegen. Ich könnte jetzt auch mitleidig lächeln, tu ich aber nicht. Ich bin ja eine achtsame Pilgerin!

Kurz vor Erreichen meiner Pension setze ich mich noch in eine Bar. Bis zum Abendessen ist es noch lang und es ist Zeit für Käse und das After-walk-cerveza. Der Kellner ist sichtlich genervt von all den Pilgern die sein Dorf überschwemmen, aber der örtliche Käse ist ausgezeichnet.

Da ich ja schön sauber für Santiago sein muss ist heute Waschtag und ich suche eine Lavandería auf. Der Inhalt meines ganzen Koffers geht da auf einmal in die Waschmaschine hinein. Sehr praktisch. Extra Waschmittel gibt’s auch, das nehm ich natürlich gleich. Noch so etwas, was ich auf meinem Weg zum ersten Mal gemacht hab.
Zum Abendessen gehe ich in eine Pulperia. Pulpo con Langostinos al ajillo. Sehr lecker. Nie wieder Pilgermenüs!!!
Heutige Erkenntnis: Wenn man will, kann man an jedem Tag etwas Neues lernen.
Heutiger Tag: 19,6 km, 4h 37′, 33.913 Schritte, 1.609 kcal;


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