Tag 30

Sarria – Portomarin

Über die mittelalterliche Brücke San Aspera verlasse ich Sarria und bemerke gleich: jetzt geht’s los. Heute erreiche ich den 100 km-Stein, und ab hier strömen Pilger in Massen Santiago entgegen. Best ausgestattet mit Rucksäcken mit Trinkschläuchen, Kopfhörern und Regenschirmen bahnen sie sich ihren Weg. Motivierte Gruppenführer in lustigen Shirts rennen wie Hirtenhunde von der Spitze bis zum letzten Nachzügler ihre Gruppe ab. Von Ruhe keine Spur mehr. Ununterbrochen läutet ein Handy, es wird laut geplaudert und jeder Baum muss als Fotomotiv herhalten.

… der Hund auch!

Bin ich froh, dass ich schon über 600 Kilometer lang den ruhigen Teil des Caminos gehen gelernt habe! Aber wenn es rundherum laut wird muss man sich eben seine eigene Stille schaffen. In einem Dorf müht sich ein alter Wurzelsepp mit zwei Stöcken mit dem Unkraut vor seinem Haus ab. Fast schon bin ich versucht ihm dabei zu helfen. Das Unkraut zupfen mit ihm ist sicher meditativer als diese Schulausflugs-Stimmung hier. Ich grüße ihn. Er hebt den Kopf und lacht mich so herzlich an und wünscht so fröhlich „buen camino“, dass sich meine Stimmung gleich hebt. Unwahrscheinlich, wie sehr sich diese kleinen Gesten auf die Befindlichkeit eines Anderen auswirken!

Auf der heutigen Strecke passiere ich zahlreiche Dörfer, jedes mit einer Bar ausgestattet, mit dem Charme eines SB-Lokales. Heruntergekommene Scheunen sind mit Getränke- und Snackautomaten ausgestattet und werden als Verpflegungsstationen angepriesen. Die Pilger-Community spaltet sich in die Hartgesottenen und den Neuzugang. Man freut sich ein bekanntes Gesicht zu sehen und grüßt besonders herzlich.

Nur noch 100 Kilometer!

In Ferreiros dann der Meilenstein: nur noch 100 Kilometer!!!!!! Das ist ja quasi nix! Das geh ich rückwärts, auf einem Bein…. ‚tschuldigung. Es ist gerade durchgegangen mit mir. Und an diesem Meilenstein erkennt man besonders gut den Unterschied zwischen Alt- und Neupilgern: die Neuen: lächeln, Foto, zack weiter. Ich hätte dort vor Freude fast einen Regentanz veranstaltet! Ab jetzt zweistellig! Das muss gefeiert werden! Ich suche die nächste annehmbare Bar und stoße mit mir an. Wien, ich komme!!

Die verschiedenen Nationalitäten der Pilger erkennt man auch an ihrer Lautstärke.

Amerikanischer Raum: laut, quasselnd ohne Pause, hört man schon 500 Meter im voraus und auch noch 500 Meter danach.

Franzosen: etwas leiser, 400 Meter Vorlaufzeit.

Engländer: 300 Meter, aber unterbrochen durch euphorisch Ausrufe wie: great, fantastic… auch eine Tonlage höher als der amerikanische Raum.

Asiaten: stumm, dafür kündigt Musik aus dem Lautsprecher sie an.

Und dann gibt es noch diese hier: es nähert sich ein Murmeln, ich denke: was kann das sein? Sehe beim Überholt-werden kurz zur Seite und bemerke, dass der rechte Bursche einen Rosenkranz in der Hand hält und vorbetet, der Linke, mit blondiertem Haar und Nasenpiercing, betet nach.

Mein Endpunkt ist heute Portomarin, und das hat eine interessante Geschichte: es handelt sich dabei um ein mehr als 2000 Jahre altes Dorf, das auf Grund der Erbauung eines Staudammes 1963 umgesiedelt würde. Das Dorf wurde Stein für Stein an das Ufer des Flusses Miño umgesiedelt und ist somit erst 60 Jahre alt!

Der Camino überrascht mich immer wieder!

Erkenntnis des Tages: wenn es rundherum laut ist kann man in sich selbst Stille finden.

Mein heutiger Tag: 27,93 km, 5h 42′, 39.074 Schritte, 1.322 kcal:

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