Tag 29

Triacastela – Sarria

Morgenstimmung beim Verlassen von Triacastela.

Man sagt ja immer, der Weg hat drei Abschnitte: den Physischen, den Mentalen und den Spirituellen.

Über den Physischen brauchen wir nicht reden: ich hab meine Sünden mit meinen Knie- und Schienbeinproblemen abgebüsst.

Mental… das fließt immer mit ein. Man hat ja Stunden Zeit und da macht man sich schon so seine Gedanken, wie es läuft im Leben, was will man verändern… doch heute hatte ich mein spirituelles Erlebnis:

18 einfache Kilometer sind angesagt. Ohne große Steigungen (ich glaub ich werde denen mal schreiben und erklären was eine Steigung ist, und was nicht). Es geht gleich durch einen malerischen Wald.

Da erscheint ein kleines Häuschen aus dem nette Gitarrenmusik erklingt.

Ich trete ein und merke, es ist das Atelier eines Malers, der gerade selbst an der Gitarre zupft. Sehr stimmungsvoll. Ich frage ob ich ihn fotografieren dürfe, nein, das möchte er nicht. Arthur heißt er, sitzt auf einem Sofa, spielt Gitarre und singt… das fällt mir jetzt nicht ein. Er strahlt eine unglaubliche Ruhe und Zufriedenheit aus. Ein in die Jahre gekommener Maler, groß und hager, mit John Lennon-Brille, verkauft seine Bilder und ruht in sich selbst. Er ist scheinbar nicht daran interessiert seine Bilder auch zu verkaufen.

Ich grüße ihn, verlasse das Atelier und gehe weiter. Aber dann möchte ich mir die Bilder doch noch einmal genauer anschauen, gehe zurück und kaufe schließlich eines. Nur unwillig steht er auf und packt mir mein Bild ein. Dieses Bild trifft genau die Situation in der ich mich gerade befinde: unterwegs, alleine in einem Wald, umgeben von Ruhe. Dieser Mensch war die Ruhe selbst. Ich habe mir danach einige Gedanken darüber gemacht wie wohl sein Leben verlaufen ist, dass er hier so alleine in diesem Wald gelandet ist. Er ist dann sehr nett und malt mir noch ein kleines Bild in mein Credencial. Fragt mich, welches Motiv ich möchte: Blumen, Bäume, Leuchttürme oder Abstrakt. Abstrakt. Er: abstract is for brave people! Ha! Wusste ich’s doch.

Ich gehe weiter. 12 Kilometer. Wald ist nett, aber 12 Kilometer in einem Wald sind eben…12 Kilometer in einem Wald. Hunger, Durst, eh schon wissen…! Endlich eine Bar in Sicht. Und hier verlässt mich meine eben erlangte Glückseligkeit. Der Wirt ist ein Wirtschaftswunder. Dass er mit dieser ökologischen Unfähigkeit noch immer existiert, ist wahrlich ein Wunder. Für eine Dose Cola und ein Bocadilla warte ich 15 Minuten – um den Bestellprozess abzuschließen. Gut, Hauptsache, es geht ihm gut. Weiter geht’s.

Ich schau mal auf mein Handy. Eigentlich müsste Sarria schön langsam auftauchen. Tut es aber nicht. Statt dessen: Kühe, verlassene Schuhe, aber kein gelber Pfeil. Shit. was ist jetzt schon wieder passiert? Eine Frau in einem Kuhdorf deutet wortlos nach rechts. Ich wäre eigentlich nach links gegangen, aber bitte. – Ich glaube, sie war eine Pilgerhasserin und hat mich absichtlich in die Irre geführt…

Statt 18 hab ich heute 23 Kilometer gemacht, dafür aber großartige Eindrücke gewonnen – und das riesige Gewitter hinter mir, das hat mich diesmal 500 Meter vor meinem Hotel voll erwischt!

Meine heutige Erkenntnis: Ich bin mutig! Arthur weiß es auch!

Mein heutiger Tag: 23,88 km, 6h 35′, 36.586 Schritte, 1.965 kcal;

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