Burgos – Hornillos del Camino


Der Tag beginnt traurig. Ich muss mich verabschieden. Eine neue Ära in Form einer gelben Leicht-Reisetasche beginnt. Bye bye, Koffer! Wir hatten ein paar gute, und auch mehr schlechte Momente, und unser Flug über 29 Stufen wird mir immer in Erinnerung bleiben!
Frühstück unauffällig, Eierspeise grottig, Croissant 2-3 (weil gut im Geschmack). Ich habe Wichtiges vor: ich muss zur Post, denn der Koffer-Transporteur hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass ich Übergewicht habe (2 lächerliche Kilos. Wen stören die schon?). Also schicke ich 4 Bücher und den Taser per Post nach Hause. Jetzt lautet die Herausforderung: wie finde ich den Weg von der Post zurück zum Anschlusspunkt des Camino?
Meinem Verständnis nach muss ich nur den Fluss entlang. Die Postangestellte meint: Kathedrale si si, und nickt mir aufmunternd zu. Also zurück zur Kathedrale. Dort finde ich aber nix Muschelmäßiges oder Gelbes. Nein, ich höre auf mein Bauchgefühl. Ich gehe wieder zurück. Dann sehe ich einen anderen Pilger sitzen und auf seinen Freund warten. Da nono, Kathedrale sisi. Also wieder zurück. Mein Handy will mich nur nach Wien navigieren. Alles andere verweigert es. Ich lese im Dossier nach. Ich muss zu einem Bogen. Haben die eine Ahnung, wie viel Bögen es in Burgos gibt?


Da ist ja mein Bogen! Und jetzt? Stufen hinunter. Da gibt’s auf jeder Seite welche. Ich treffe eine Schulklasse mit Lehrerin die den Kindern vorträgt – wahrscheinlich den Weg zum Camino. Sie wünschen mir artig „buen camino“, aber ich traue mich nicht nach dem Weg zu fragen. Ich bin fix und fertig. Mittlerweile bin ich 1 Stunde und 3 Kilometer unterwegs und hab den Camino noch immer nicht gefunden. Da meldet sich mein Göttergatte – als hätte er mein Dilemma geahnt. Ich schildere meine Not (nichts für Kinder unter 16!) und fange an zu heulen und renne so mit Handy am Ohr durch die Gassen. Ich muss ausgesehen haben wie eine Verrückte. Mein Mann bringt mich mal wieder runter. Sammel dich jetzt und geh in ein Café. „Ich will nicht. Ich will gehen.“ Und via Fernwartung – da ist er Spezialist darin – erklärt er mir den Weg zur richtigen Straße. „Und was machst du jetzt? “ – „Na, ich sammel mich…“
Also fängt der Tag nicht so rosig an, und ich merke auch, dass meine Knie heute nicht so mitspielen, wie sie sollten. Ich gehe einen langweiligen Weg von Burgos nach Tardajos. Eine gerade Strecke, links und rechts nur Getreidefelder. Ich bin so müde und erschöpft, dass ich mich am liebsten in ein Feld legen und 2 Tage lang durchschlafen würde.



In Tardajos mache ich in einer Bar Pause und bestelle Olivenspießchen mit Sardellen und Wachteleier. Sehr lecker, diese Tapas, muss ich zu Hause auch machen. Nur damit ich länger sitzen kann, bestelle ich die noch einmal. Es laufen spanische Nachrichten. Ein Vulkan in Mexiko ist ausgebrochen, 2 Kinder aus dem Fenster gefallen. Da die Nachrichten nicht besser werden, gehe ich halt wieder weiter.



Nach 3 Kilometern lustlosen Gehens sehe ich auf der linken Seite eine kleine Kirche mit einer Schwester davor. Sie strahlt vor lauter Güte und Barmherzigkeit. Aus der Kirche dringt Musik und sie bedeutet mir einzutreten. Es ist wunderbar. Ich lausche der Musik und bin heute zum ersten Mal ganz bei mir selbst. Ich denke an nichts und nehme nur die Stimmung auf. Beim Verlassen der kleinen Kirche fragt mich die Schwester woher ich komme. Sie ist glücklich, denn ihr Vater war Österreicher, sie hat in St.Wolfgang gelebt und in Pressbaum studiert.

Sie segnet mich und hängt mir ein kleines Amulett um. Darauf ist Maria zu sehen. Eine Mitschwester hätte vor Jahren eine Erscheinung gehabt, und seitdem glaubt ihr Konvent an die Stärke von Maria. Sie gibt mir noch ein zweites Amulett für Papa mit, und zum zweiten Mal heute fließen meine Tränen.
Ich wandere langsam weiter und denke an die Schwester, welch anderen Weg sie eingeschlagen hat und ich merke, dass sich mein Knoten in der Brust löst und ich viel leichter und entspannter weitergehen kann. Manchmal braucht man solche Erlebnisse um wieder zu sich selbst zu finden.

Mein Ziel ist heute Hornillos de Camino. Ein Dorf, das sich ganz den Pilgern verschrieben hat. Es gibt eine Bar, einen Laden und ein Hospital, das schon im Mittelalter erbaut wurde und noch immer Pilger versorgt.

Von dort aus rufe ich mein Taxi, das mich zu meinem Quartier in Isar bringt. Mein Zimmer ist überraschend groß, mit Balkon und Badewanne. Ratet mal, was ich gleich mache!
Erkenntnis des Tages: Spirituelle Erlebnisse tun der Seele gut!
Der heutige Tag: 26,24 km, 5h 31′, 38.644 Schritte, 1.173 kcal;


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