Tag  1


St. Jean Pied de Port – Roncesvalles

Mein Flug geht von Schwechat über Paris nach Biarritz. In Biarritz habe schon von Wien aus ein Sammeltaxi gebucht, das mich nach St.Jean Pied de Port bringen soll.
Erstaunlicher Weise klappt alles perfekt und ich sitze mit einem Kanadier, einer Engländerin, einem Chinesen und zwei Texanerinnen in einem Kleinbus. Der Fahrer ist multi-tasking-fähig: Lied aus seiner Playlist suchen, mit der Freundin telefonieren und der Sekretärin whatsApp Nachrichten schicken- geht alles gleichzeitig neben dem Taxilenken. Dementsprechend rüttelt es uns in dem Taxi durch, wenn er den Bus in letzter Sekunde herumreißen muss um nicht zwei Fahrradfahrer umzufahren. Und so bin ich heilfroh, dass wir am Hauptplatz in St.Jean Pied de Port entlassen werden. Halt. Meine Pension ist noch 2 Kilometer außerhalb. Die kann ich ruhig mit dem Koffer gehen, meint er. Da hat er aber die Rechnung ohne mich gemacht, und so führt er mich missmutig doch noch die restliche Strecke zum Maison Goxoki. 

Der Koffer findet in meinem Zimmer nur auf meinem Bett Platz. Als ich den Reißverschluss öffne quillt der Inhalt heraus und sehe schon, dass Kofferpacken eine Aufgabe ist, die mich noch öfters an meine Grenzen führen wird. Jetzt aber hurtig: ich muss wieder zurück in den Ort zum Pilgerbüro um mein Credential zu holen und Abendessen möchte ich schließlich auch noch. Also gehe ich die zwei Kilometer zurück und fühle mich schon ganz wie eine Pilgerin. St. Jean Pied de Port ist ein entzückender kleiner Ort mit romantischen Gässchen voller Straßenmusikanten, kleiner Läden und cirka 100.000 Pilgern voller Adrenalin, bereit, ihr großes Abenteuer zu beginnen.

Im Pilgerbüro erklärt mir eine Angestellte geduldig meinen morgigen Weg, übergibt mir meinen Pilgerpass und wünscht mir viel Glück. Ich habe vor Glückseligkeit ein Dauergrinsen im Gesicht und schlendere durch die Gassen.

Es ist für mich ein Ritual geworden in Orten, in denen ich verweile, in die Kirche zu gehen und dort eine Kerze für meine Mama anzuzünden. Also gehe ich in die kleine Kirche. Jedoch zünde ich heute die Kerze für mich an. Ihre Flamme soll mich begleiten. – Natürlich hab ich auch an meine Mama gedacht und die Tränen dabei wegzwinkern müssen.

 

Ich durchschreite das spanische Tor, das der Beginn des Camino Frances ist und gehe zurück zu meiner Pension um mich für den morgigen Tag auszuruhen.

Nach einem Frühstück mit dem weltbesten Croissant geht´s los über die Pyrenäen Richtung Roncevalles. Mitten im Nirgendwo steht ein Foodtruck mit Hirten, der selbstgemachten, wunderbaren Schafskäse verkauft.  Mit 2 Stück Brot um wohlfeile 3 Euro ergibt das ein formidables Mittagessen. Da ist die Welt noch in Ordnung!

Danach ist´s ein bissl zach: immer wenn ich dachte, jetzt ist die Spitze erreicht, kommt noch eine. Aber dafür bietet sich mir unentwegt grandiose Aussicht.

Immer wieder sieht man Gedenkstellen für verunglückte Pilger. Francois war vielleicht gerade in Form einer kleinen Eidechse wieder auf Erden um seine Gedenkstätte zu besuchen.

Der Abstieg gestaltet sich dann fast noch  mühsamer als das Hinaufklettern. Der Weg ist steinig und zerfurcht und ich muss höllisch darauf aufpassen nicht umzuknicken. Und die Knie sind ja auch nicht mehr die Jüngsten…

In Roncevalles gibt´s dann meine Belohnung mit Sangria. Danach sind es noch 3 km zu meinem Hotel in Auritz-Burguete. Das Gesicht brennt,  aber die Füße sind ok. Werd´ heute schlafen wie ein Baby.

Erkenntnis des Tages: ich kann nicht Koffer packen. Schon am 1. Tag herrscht heilloses Durcheinander, ich finde nichts mehr.  Und auch der Youtube Hack mit den gerollten T-Shirts ist nicht das Gelbe vom Ei. Kann mir nicht vorstellen, dass ich den Koffer morgen wieder zu bekomme….. ich weiß Erwin,  du hattest recht 😘

Mein Tag: 26,63 km, 7h 39′, 2.657 kcal; – von meiner Uhr hab ich gleich 4 Pokale bekommen.


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