Belorado – San Juan de Ortega
Mein Tag beginnt gemütlich. Ich stehe rechtzeitig auf, der Koffer macht keine Macken, und wir besprechen wie wir das mit den 29 Stufen wohl bewerkstelligen wollen. Da höre ich Motorengeräusch. In diesem verlassenen Ort gibt es Autos? Ich schaue aus dem Fenster. Mist! Der Koffertransport ist schon da! Ich reiße den Koffer hoch, stürme aus dem Zimmer und – wie kann ich das jetzt beschreiben – fliege fast die Treppe hinunter. Beinahe überlege ich zwei Stufen auf einmal zu nehmen, so motiviert bin ich, denn wenn der Transporter einmal weg ist habe ich ein riesen Problem. Unten knalle ich den Koffer vor die Füße des verdutzten Chauffeurs, der erschrocken einen Satz zur Seite macht. Dann muss ich mich erst einmal setzten, denn ich sehe schwarze Punkte.
Das Frühstück ist unauffällig. Kein Croissant heute, macht nichts.

Ich beginne meinen Weg durch den menschenleeren Ort, weiter neben der Landstraße. Ein bissl fad hier, und so höre ich den Vogerln zu. Der eine pfeift eine komplizierte Melodie und ich versuche sie nachzupfeifen. Klingt bei mir aber eher so, als würde der Wind um die Ecke pfeifen. Merlin hat mich vor ein paar Tagen gefragt, ob ich auf meinem Weg nicht ein Instrument lernen möchte. Anscheinend tun Pilger das so. Nein, Schatz, ich kaufe jetzt keine Gitarre und schleppe die auch noch mit mir rum. Aber das mit dem Pfeifen erscheint mir eine gute Alternative.



Meine erste Rast mache ich in Villambistia. In dem Ort ist ein Brunnen und zum Besiegen seiner Müdigkeit soll es nichts Besseres geben als seinen Kopf hier einzutauchen. Na, da weiß ich mir aber mindestens 100 bessere Möglichkeiten! Da es hier WiFi gibt, google ich gleich: Wie lernt man pfeifen? – Das Projekt gehe ich jetzt die nächsten 554 Kilometer an.

Ich komme zu Villafranca Montes de Oca, vorbei an dem Kloster San Fèlix, wo die sterblichen Überreste des Grafen Diego Rodrigez Porzeloa, dem Gründer von Burgos, liegen.


Hier mache ich Rast, da es noch stolze 12 Kilometer bis zu meinem Bestimmungsort sind. Wirklich zähe, da der sich der Weg als breiter, gerader Sandweg mitten durch einen Wald entpuppt.



Endlich angekommen in San Juan de Domingo. Hier befindet sich ein Kloster, gegründet von einem Schüler unseres Santo Domingo de la Calzada. In der Kirche wohnten einst Diebe, die dann den Augustiner Orden gründeten. (Aha!) Von diesem Ort aus soll ich meine Unterkunft anrufen. Ich soll abgeholt und zu meinem Quartier gebracht werden. Ah, da kommt ja schon das Taxi. Ich bin ganz begeistert wie gut das klappt und gehe forschen Schrittes winkend auf den Kleinbus zu. – Nur, dass das nicht mein Taxi ist und der Deutsche seiner Frau jetzt die Situation jetzt erklären muss. 😳
Aber dann kommt auch schon eine junge Spanierin und bringt mich mit ihrem schicken Mercedes in ihren Ort mit unaussprechlichem Namen. Seit zehn Tagen das erste Mal in einem Auto. Hurra! Ui, das geht aber flott – ich bin mittlerweile ein anderes Tempo gewöhnt. In dem Ort dann die noch größere Überraschung: es gibt hier…. nichts. Bar – no. Supermercado – no. Iglesia (da war ich schon sehr verzweifelt) – no. Ich bin der einzige Gast des Hotels, des ganzen Ortes. – Ich glaube, heute werde ich meinen Koffer um die Flasche Rioja erleichtern!
Heutige Erkenntnis: Manchmal braucht man ein bissl Stress um zu erkennen, wie stark man eigentlich ist!
Heutiger Tag: 26,03 Kilometer, 40.232 Schritte, 5h 57 min, 2.648 kcal;


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