San Juan de Ortega – Burgos
Ich wache mit Kopfschmerzen auf. Ein Blick zur Weinflasche, aber die ist noch fast voll. Da höre ich Schnarchgeräusche. Anscheinend hat sich doch noch eine zweite Seele in das Hotel verirrt. Und noch etwas höre ich, recht laut: das Surren der Autobahn. Das Dorf ist zwar abgeschieden und menschenleer, die Autobahn aber in Sichtnähe und wirklich sehr laut. Dass die Leute hier leben können? Ich bin dankbar über unser ruhiges Zuhause.
Zum Frühstück gibt’s Spiegeleier. Eine Handvoll Bauarbeiter in Overalls und mit Helmen stürmt die Bar. 5 Cafe und 5 Schnäpse. Im Stehen trinken sie ex, und wieder draußen sind sie. Na hoffentlich wird die Straße gerade! Dann führt mich der Padrone wieder zurück nach San Juan de Ortega, von wo aus ich bei erfrischenden 6° meinen Weg fortsetze.




Nach vier Kilometern erreiche ich Agès, das mit archäologischen Fundstücken aufwarten kann. Es nennt sich die „Wiege der ältesten Menschen Europas“. Dieser Herr hier soll 800.000 Jahre alt sein? Wollen wir ihm das glauben?
Dann geht’s weiter zu einer anspruchsvollen Steigung bis zu einem großen Holzkreuz hinauf, so steht´s in meiner Beschreibung.

Militärisches Sperrgebiet? Komisch. Aber anders kann ich ja nicht gehen, Also wandere ich munter weiter. Die Steigung ist fast progressiv. Ziemlich einsam hier. Wo sind denn all die Pilger? Und gelben Pfeil hab ich auch schon ewig keinen mehr gesehen. Und dieses Holzkreuz ist auch verschollen. Zu meiner Beruhigung pfeife ich die Vogelmelodie, aber es will nicht so recht gelingen. Ich schaue zum Himmel, ob mich schon Abfangjäger suchen. Nein. Noch nicht. Trotzdem werfe ich das Navi an und suche den nächsten Ort Villalval. Demnach bin ich aber falsch hier. Also wieder zurück, finde dann eine Art Weg dem ich noch einen Kilometer folgen soll, und dann sehe ich den Ort auch schon aus der Ferne. Drehe mich um- aha, anscheinend hab ich das militärische Sperrgebiet jetzt wieder verlassen. Da plötzlich: wumms, wumms – Hilfe. Das waren Schüsse! Und dann noch zwei! Mein Herz rutscht in die Hose und ich beschleunige meinen Schritt – das heißt: ich renne, was das Zeug hält. Mein Puls schnellt hinauf. Ogottogott, Entschuldigung, Spanien, ich hab garnix gesehen! Ich brauche jetzt mentale Unterstützung und rufe die Heimat an. Ehemann: hebt nicht ab. Ach ja, stimmt, er ist ja walken. Hat er mir eh gesagt. Sohn Nr.1: nicht da. Sohn Nr.2 hebt ab. „Mama, bitte, was machst du? Geh da raus! “ – bin ich schon. Moritz ruft zurück. Ich erkläre meine Not, er bekommt einen Lachanfall. „In militärisches Sperrgebiet zu gehen ist nicht so gut, Mama!“ Danke, Schatz, hast mir soeben die Erkenntnis des Tages geliefert.


War noch nie so froh die zerfallene Kirche von Villalval (haben die daneben geschossen?) und wieder so eine Muschel zu sehen! Muss mich von dem Schreck erholen und gehe in eine Bar in Cardeñuela Riopico. Die Bar ist absolut grauslich und hat die letzten 2 Jahre sicherlich keinen Besen gesehen. Egal jetzt. Ehemann ruft an. „Sei froh, dass du auf keine Landmiene gestiegen bist!“….. keine Worte. Dann noch die Empfehlung von ihm, nicht gleich selbst den Besen zu schnappen und mal sauber zu machen. – Er kennt mich halt!

6 weitere hässliche Kilometer neben einer Schnellstraße durch ein Industriegebiet erreiche ich Villafria. Mittagspause.
Danach muss ich nur noch 5 Kilometer gerade aus, quasi neben der Südost-Tangente, Richtung Burgos. Aber da wollen meine Füße nicht mehr. Nach 3 Kilometer bin ich fix und fertig. Taxi kommt auch keines daher. In meiner Not gehe ich in ein chinesischen Lokal hinein und frage, ob ich die „Aseos“ benutzen darf, nur, damit ich mich eine Minute hinsetzen kann. Irgendwie schaffe ich es dann doch und finde gleich mein Hotel. Die Kathedrale möchte ich aber unbedingt sehen. Also geduscht, Wäsche gleich mit unter die Dusche genommen, Ariel für zwischendurch drauf verteilt, damit kann ich mich auch gleich duschen, ist eh ph-neutral, wieder mal drauf rumhüpfen, umziehen und ab ins Zentrum.


Ach ja, einen Nachfolger für meinen Koffer hab ich auch gefunden. Ich bin zwar ein bisschen traurig (eigentlich sehr), aber ich hoffe, Koffer findet einen würdigen Nachfolger!
Erkenntnis des Tages: in militärisches Sperrgebiet geh nie, nie, niemals hinein!
Heutiger Tag: 27,12 Kilometer, 6h 15′, 47.531 Schritte, 2158 kcal;


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