Tag 19

Sahagún – El Burgo Ranero

Sahagún verlasse ich durch den Bogen San Benito. Davor reihen sich Busse aneinander. Der Pilgertourismus boomt hier: Busse karren Pilger bis einen Kilometer vor den Bestimmungsort, wo sie dann aussteigen und sich im Hostel den „sello“ –  den Stempel für ihr Credencial holen um am Ende ihre Urkunde zu bekommen. Ich hab jetzt gerade in meinen Credencial nachgeschaut und gelesen, dass man mindestens 2 Stempel pro Tag braucht um die Urkunde zu erhalten. Mist. Spontan beschließe ich, dass ich jetzt nicht mehr den ganzen Weg wieder zurück gehe um mir für jeden Tag einen zweiten Stempel zu holen. Tja, das hab ich wohl verbockt. – Und ich rege mich immer darüber auf, weil mein Mann wirklich JEDE Beschreibung durchliest. Sogar die von einem Regenschirm. Wieder etwas gelernt für’s Leben.

Ich mache heute öfters Rast. Bereits das 2. Mal nach 8,5 Kilometern bei der Wallfahrtskirche Nuestra Señora de Perales. Sie wird bewacht von einem alten Spanier, keine Ahnung, warum. Es kommen 4 französische Pilger dazu, eine davon geht barfuß und der spanische Security hält mir einen Vortrag. Irgend etwas mit Schuhen. Auch als ich ihm erkläre, dass ich kein Wort verstehe setzt er einen Monolog fort. Es scheint für ihn ein sehr wichtiges Thema zu sein. In der Kirche hole ich mir meinen 1. Stempel für heute, den 2. bekomme ich in meinem Hostel. Ich bin ja lernfähig.

Kirche mit Heiligenschein

Nächste Rast in Bercianos del Real Camino. Super Tag heute, denke ich.

Ich gehe Frosch-Gequake nach, entdecke diesen Teich, aber keinen Frosch. – Auch keine Kröte (Dank Julia und meiner Arbeit kenne ich ja jetzt den Unterschied). Ich wandere weiter, denke noch, was für ein wunderbarer Tag heute doch ist. Und plötzlich … ist alles anders. Ich schaue zu meinem rechten Schienbein hinunter, ob mir gerade jemand mit einem Holzpfosten dagegen geschlagen hätte. Ein unglaublicher Schmerz durchzuckt mich und ich gehe kurz in die Knie. Nein. Keine äußere Gewalteinwirkung. Aber der Schmerz ist unerträglich und ich kann unmöglich weiter gehen. Moritz ruft gerade an. Er googelt: Schienbeinkantensyndrom. Was ist das jetzt? Schonung ist angesagt. Das kann ich jetzt aber nicht wirklich. „Mama, du musst mehr essen. Du brauchst Micronährstoffe.“ Also vernichte ich ein Packerl Nüsse. Mehr Micro hab ich momentan nicht. Ich packe meinen Stecken aus und schleiche weiter. Ein netter Belgier gibt mir ein Roll-on mit irgend etwas streng riechendem zum Einmassieren. Ich werfe noch 2 Thomapyrin mit dem letzten Schluck Wasser ein und quäle mich weiter. 90 Minuten für 1.5 Kilometer. Neuer Streckenrekord.

Ich sehe mein Quartier schon von weitem, will es aber nicht Wahrhaben. Erst einmal dieser schöne Rosenbusch,

der vor meinem heutigen Hotel steht…

Neue Zimmeraussicht

… einer Tankstelle. Hatte ich auch noch nie. Aber es kommt noch viiiiel besser: ich checke ein, Zimmer im 1. Stock, Koffer kann ich kaum hoch schleppen, öffne die Zimmertüre und: holla! Da wohnt schon einer! Zimmer voll mit dreckigen Wandersachen. Ich muss mich kurz sammeln. Die Rezeptionistin ist aber sehr nett und kompetent und löst mein kleines Problem. Der Vorteil: Dinner und Frühstück sind 24/7 verfügbar. Es gibt doch an allem auch etwas Positives. – Das hatten wir doch schon Mal!

Erkenntnis des Tages: der Jakobsweg bringt so manche Überraschung mit sich. Urlaub an der Tanke ist eine davon!

Mein heutiger Tag: 23,73 km, 5h 01′, 34.350 Schritte, 1541 kcal;

Schreibe einen Kommentar

%d Bloggern gefällt das: