Tag 25

Rabenal del Camino – Ponferrada

Ich bin sehr stolz auf mich. Das muss ich jetzt einmal sagen. Nachdem meine Füße in den letzten Tagen ja nicht so wollten wie ich, hatte ich vor der heutigen Etappe Respekt. Ist sie doch eine der Schwierigsten. Und jetzt: Geschafft!

passt jetzt nicht,  aber die musste da rein

Aber fangen wir von vorne an: mein morgendliches Debakel beginnt täglich mit der Frage: Kurz oder Lang. Damit ist meine Hosenbeinlänge gemeint. Zwischen Zähneputzen und Rucksack packen renne ich cirka 15 Mal zum Fenster und stecke meinen Kopf hinaus um zu einer Entscheidung zu kommen. Heute ist eindeutig Lang angesagt. Saukalt ist es, und der Blick zum Handy bestätigt:  9°. Also Lang, obwohl: eigentlich sagt mein Bauchgefühl mir, die Kurze wäre besser. Aber nein. Lang ist dran. Gute Wahl. Ich schleppe den Koffer hinunter und setze mich zum Frühstück. Michèl, ein stämmiger französischer Pilger in Rente, ist seit Paris!! und seit dem 12.März unterwegs, setzt sich mir gegenüber hin. Wir plaudern in frenglisch. Jeder Satz besteht zur Hälfte aus englischen und französischen Wörtern. Lustig ist das. Aber der trägt jetzt kurz. Hm. (als ob der…. aber egal) Meine morgendliche Entscheidung wird revidiert. Ich beende schnell das frenglische Frühstück, gehe zum Koffer-Sammelplatz. Meiner ist natürlich genau in der Mitte. Ich bahne mir den Weg, kriege einen Zipfel vom Zippverschluss zu fassen, öffne ihn und zerre meine kurze Hose aus dem Koffer. Ha! Geschafft! Die Hose fliegt quer über die Koffer, Michèl schaut komisch, ich bin glücklich. Weil mit kurzer Hose wandert es sich nämlich viel besser, und ich hab ja heute noch Einiges vor.

Bergauf bis zum höchsten Punkt des Caminos auf genau 1500 m ist es nicht schwierig. Da gibt es viel zu schauen. Irgendwann kommt auch ein Foodtruck mit esoterischer Musik und keckem Hund…

… und dann, endlich,  das berühmte Cruz de Ferro.

Mein Stein und ich
Cruz de Ferro

Man soll ja einen Stein mitnehmen, ihm seine Sorgen anvertrauen und dann dort platzieren. Damit ist man von seinen Sorgen befreit. Meinen Stein schleppe ich seit 200 Kilometern mit. Hab ihn von einer Baustelle geklaut und er war Zuhörer zahlreicher Selbstgespräche. Tschüss, Stein!

Ich bin jetzt also ganz oben, das heißt, ich muss auch wieder ganz hinunter. Und das ist weniger lustig. Es gibt zwar eine Landstraße, aber als echte Pilgerin will ich’s natürlich wissen.

Und so wandere ich 3 Stunden lang steil bergab über Geröll und Steinfurchen. Den Bewohnern von Riega de Ambros war der Weg wohl auch zu anstrengend. Verlassene Häuser, kein Mensch zu sehen.

Hin und wieder sieht man zur Straße. So wird man also nahtlos braun!

Nach 7 Stunden erreiche ich Molinaseca. Ich gehe über die Brücke der Pilger, die auch alle Sünden und Sonstiges erlässt – ich hab jetzt quasi eine reinweiße Weste – und raste hier kurz.

Ein netter Ort. Schade, dass nicht hier mein Quartier ist. Aber ich muss noch 4 Kilometer weiter nach Ponferrada. Ich setze mich auf einen Sessel vor einer kleinen Bar, strecke die Beine von mir und trinke eine Sangria. Tja, das war wohl nicht so gescheit. Wenn man einmal gemütlich sitzt, kann man schwer wieder hoch. Ich probiere es trotzdem und nehme die letzten 4 Kilometer in Angriff. Aber plötzlich kommt da ein Taxi, ich schau nur kurz, aber anscheinend hat der Fahrer meine Vibes empfangen, bleibt stehen, und ich werde zu meinem Hotel chauffiert. Und gut war’s, denn die Einfahrt nach Ponferrada ist auch eine Stadtautobahn und entsprechend unangenehm zu gehen. Außerdem hat sich binnen Minuten ein Gewitter angebahnt und es hat begonnen zu schütten. Glück gehabt.

Meine heutige Erkenntnis: Höre auf dein Bauchgefühl. Es hat meistens Recht!

Mein heutiger Tag: 32.79 km, 7h 40′, 48.940 Schritte, 2.375 kcal;

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