Tag 34

O Pedrouzo – Santiago de Compostela

Ich hab schon wieder mein gestriges Achtsamkeits-Testergebnis vergessen: angesichts der stoischen Gelassenheit gegenüber mitleidiger Blicke der Jubgspunde finde ich, ich habe eine 1 verdient!

Heute ist er also angebrochen: mein letzter Tag! 33 Tage lang jeden Tag 20-30 Kilometer wandern finden mit heute Nachmittag ein Ende.

Der Tag beginnt unglaublich laut in dem Café in dem ich mein Frühstück nehme. Es ist gesteckt voll und überhitzt. Ich schaue, dass ich schnell weg komme und merke: draußen gießt es wie aus Kübeln. Also wieder zurück, ins bagno und auf 0.5 m² bei noch höherer Temperatur umziehen. Ich bin kurz davor die Contenace zu verlieren, pfeife mich aber rechtzeitig zurück. Nicht jetzt, so kurz vor dem Ziel! Ich gehe also los – eh klar, dass es mittlerweile wieder aufgehört hat zu regnen – durch einen duftenden Eukalyptus-Wald. Das Doktoren-Pärchen überholt mich. Wunden begutachtet, Wanderfreigabe erteilt.

Die Meilensteine ziehen vorüber,  die Kilometer rattern nur so hinunter. Heute ist alles unterwegs das gehen kann, auch die Wetterkapriolen halten nicht davon ab die letzten Kilometer des Caminos zu bewältigen. Es ist ein dauernde An- und Ausziehen des Regengewandes.

Als Santiago in der Ferne auftaucht packe ich alles wieder ein um fototauglich zu sein, aber die Stadteinfahrt ist zähe, und der Regen hartnäckig. Langsam kommen die Gefühle hoch, nach fünf Wochen endlich am Ziel. Noch nie war ich so lange weg von daheim, von meiner Familie und meinen Freunden getrennt. Es ist viel passiert. Ich habe viele Menschen kennengelernt, habe ein paar Rückschläge erfahren aber auch die Hilfsbereitschaft und Nettigkeit einiger Menschen.

Jetzt steh ich also am Platz. Auf Kilometer „Null“. Die Tränen fließen, nicht nur bei mir. Überall wird umarmt, gelacht, geweint. Es ist für mich nicht einfach so einen emotionalen Moment ganz alleine zu erleben. Da ruft jemand:  Congrats, you made it! … ein Altpilger, wir umarmen uns und sind beide stolz es geschafft zu haben. Obwohl es wieder schüttet ist der Platz voll von Ankömmlingen. Ich bleibe eine geraume Zeit vor der Kathedrale um die Stimmung auf mich wirken zu lassen, mich wieder zu sammeln und meinen Weg hier tatsächlich zu beenden.

Am Abend gehe ich noch in die Pilgermesse. Wenn man Glück hat, und jemand hat dafür bezahlt (wohlfeile 500 Euro), kann man auch die Botafumeiro, die Schwenkung des Weihrauchkessels miterleben. Die Räucherung hatte ursprünglich den Sinn, den erbärmlichen Gestank der Pilger durch das Entzünden von Weihrauch zu überdecken. Auch hatten die Pilger ihre Kleidung zu verbrennen und sich in einem kleinen Becken zu waschen. Was sie dann zum Anziehen hatten, weiß ich jedoch nicht.

Ich habe das Glück, die Botafumeiro findet statt. Die Messe selbst ist steif und konservativ und ich muss an meine vorherigen erlebten Messen denken, die so persönlich und stimmungsvoll waren. Die Priester sitzen in ihren Sedilien, die Klosterschwestern wuseln herum und haben die Arbeit.

Dann aber stehen 4 Diakone auf und hängen sich an die dicke Schnur, an der der Räucherkessel hängt. Als der Kessel dann losschwingt und die Musik beginnt, ist es dann aber schon wieder sehr berührend.

Abends treffe ich mich mit dem netten deutschen Pärchen, mit dem ich mich immer wieder getroffen hatte in einer Bar, und wir stoßen auf unsere tolle Leistung an.

Danke, Daniela und Christoph, für eure tolle Pilgerbegleitung! Jetzt bin ich wirklich angekommen, in Santiago de Compostela.

Erkenntnis des Tages: 779 Kilometer erscheinen eine unglaublich lange Strecke, unzählige Schritte. Aber ist einmal der erste Schritt getan und bleibt man dran und lässt sich nicht beirren, dann hat man es irgendwann geschafft.

Mein heutiger Tag: 21,78 km, 5h 25′, 42.245 Schritte, 1.916 kcal;

13 Kommentare zu „Tag 34“

  1. Avatar von Julia Dunzer
    Julia Dunzer

    Herzlichen Glückwunsch. Wahnsinn‘s Leistung 😀
    Komme wieder gut nachhause.
    Lg Julia

    1. Avatar von admin

      vielen Dank, July-Dee! 😘

  2. Avatar von Nici
    Nici

    Herzliche Gratulation, liebe Barbara! Hut ab vor Deiner Leistung, dass Du das angegangen bist, durchgezogen hast und uns/mich mit Deinen bildhaften Tagesberichten auch noch mitgenommen hast! Was für eine große Sache, die Du da geschafft hast!
    Meine Erkenntnis des Monats: wenn man will, geht alles 🙂
    Liebe Grüße, Nici

    1. Avatar von admin

      Liebe Nici, Du hast es auf den Punkt gebracht! Freue mich schon sehr wieder mit Dir zu arbeiten und zu plaudern!

  3. Avatar von Marianne Frömmel
    Marianne Frömmel

    BRAVO! Größte Anerkennung und Bewunderung für diese außergewöhnliche Leistung, Mut, Ausdauer und erfolgreiche Bewältigung. Hut ab!

  4. Avatar von Michael Schrammel
    Michael Schrammel

    Herzliche Gratulation!
    Das hast Du toll gemacht, kleine Schwester.
    Ich bewundere Dich!
    Komm gut heim.

    1. Avatar von admin

      Danke, großer Bruder! Freu mich schon sehr, Dich wieder zu sehen! 😙

  5. Avatar von Ernst Linhart
    Ernst Linhart

    Glückwunsch liebe Barbara
    Es war eine beeindruckende Geschichte dich mittels Blog zu begleiten
    Glg

    1. Avatar von admin

      danke Ernsti! Es freut mich sehr, dass du mich begleitet hast!

  6. Avatar von Martina
    Martina

    Herzlichen Glückwunsch, liebe Barbara, zu dieser tollen Leistung. Bravo, bravo, bravo!

    1. Avatar von Gabriele Dunzer
      Gabriele Dunzer

      Herzlichen Glückwunsch allerbeste Freundin ♥️
      Wir sind stolz auf dich, wie du alles gemeistert hast!!
      Ganz liebe Grüße von Gabi & Rudi

      1. Avatar von admin

        danke allerbeste Freundin. Danke für Deine moralische Unterstützung am Telefon währendessen ich einen Hang hinauf geschnauft bin!

    2. Avatar von admin

      vielen Dank liebe Martina!

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