Pamplona – Puente la Reina

Noch ein Nachtrag zu gestern, worauf mich mein lieber Bruder gebracht hat: es waren 26 Kilometer, 6h 32′, 2.159 kcal;
Mein Bruder und ich teilen viele gemeinsame Interessen, unter anderem auch die Liebe zu Karsten Dusse’s „Achtsam Morden“-Romanen. In einem jener geht der Protagonist ebenfalls den Jakobsweg und stellt sich drei Fragen:
- 1. (Ha, ich hab die Listenfunktion entdeckt!) Was ist der Sinn des Lebens?
- 2. Wie ist mein Verhältnis zum Tod?
- 3. Was brauche ich für ein erfülltes Leben? (Seite 143 im Buch)
Danke Michi für die Anregung, ich hab jetzt noch 700 Kilometer Zeit darüber nachzudenken und gebe euch Bescheid! 😘

Das Hotel in Pamplona bietet verpackten Zwieback und Marmelade – dafür hatte es eine Waschmaschine, was prima gewesen wäre, hätte ich sie früher entdeckt. Frühstück hier geht natürlich nicht (wegen Genusstester und so), also zur Panederia. Da gibt es flache Croissants, als wären sie das Ergebnis eines Back-Unfalles, aber die werden noch in einen kleinen Ofen geschoben und erwärmt. Sie heißen Mariposa (=Schmetterling) und man isst sie mit Besteck. Naja, ist für mich nur ein 3er. Süße zwar vorhanden, aber die Fluffigkeit fehlt. Ich sag ja: Back-Unfall.
Nach dem Frühstück besuche ich einen Ostheopaten, den ich gestern in der Nähe meines Hotels entdeckt hab. Ich hoffe, er weiß etwas mit meinem Knie anzustellen. Ich hab noch einen Termin für heute 9.30 Uhr ergattert. Was bin ich für ein Glückspilz!
Eine Stunde später komme ich zu der Erkenntnis: „Ostheopath“ heißt übersetzt: Wunderheiler. Aaron bestätigt die Meinung des Navy-docs, der gestern im selben Hotel wie ich untergekommen war und sich mein Knie angeschaut hatte: Bänder ok, der Muskel ist beleidigt. Damit kann ich leben. Er massiert, erklärt mir Übungen und ermahnt mich, immer zu dehnen. Wenn ihr einmal in Pamplona angekommen seid: www.osteopamplona.com ist der Ostheopath eures Vertrauens. Grüßt Aaron von mir!
Von meinem Stadtteil aus nehme ich den Bus, denn ich muss zum Rathausplatz, und ich habe keine Lust 3 km entlang der Stadtautobahn zu gehen. Ich fühle mich bestätigt: mein Spanisch ist hervorragend: ich zeige dem Busfahrer nur das Bild vom Rathaus und er weiß sofort, wo er lang muss. Dann bin ich kurz etwas verwirrt bezüglich meiner momentanen geografischen Lage, aber mit meinem Orientierungssinn ist das alles kein Problem und ich finde wieder die Anschlussstelle zum Camino (das glaubst du jetzt nicht, gell, Erwin?😘 ).
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Da ist er ja!
Auf geht’s, über Hügel und Heiden, eine traumhafte Landschaft breitet sich vor mir aus. In dem winzigen Ort Zariquiegui (der heißt wirklich so) hat eine geschäftstüchtige junge Spanierin eine Tienda (einen Shop). Ich kaufe etwas Käse, ein Baguette und investiere in einen Stecken mit Stoßdämpfung und allem Pipapo – die zweitbeste Investition des Tages (die beste war ja bereits in Aaron). Schon 2 Kilometer weiter merke ich, welch kluges Mädchen ich doch war. Es geht nämlich 40 Minuten lang „progressiv bergauf“. Was das bedeutet weiß nur der, der schon mal progressiv bergauf gegangen ist. Dafür dann das:
Was ist die negative Steigerung für progressiv bergauf? Keine Ahnung. Aber das passierte danach. 3 km lang, und ohne meines super-duper Steckens wäre ich sicherlich verzweifelt. Zwischendurch mache ich brav meine Dehnübungen, Knie hält. Dann plötzlich bin ich unten angekommen und es geht 3 Kilometer lang gemütlich dahin. Vor lauter Erleichterung fange ich an zu singen. „Halleluja“ aus der Matthäus Passion. Mein neues Mantra. Genau 2×16 Schritte (jetzt dürft ihr selbst rechnen). Eine junge Engländerin taucht auf. Ich verstumme natürlich sofort. Sie trägt kurze Hose und rotes Haar und hat eine adäquate Hautfarbe. Ihre Kniescheiben hüpfen wie rote Signallichter durch die Gegend. Aber, nein, sie braucht keine Sonnencreme.



Ein paar Kilometer weiter treffe ich eine junge Vorarlbergerin mit Hund. Sie trägt zwei verschiedene, normale Straßenschuhe und vier Stofftaschen kreuz und quer umgehängt und hat eine sehr interessante Frisur. Ich bitte sie dieses Foto zu machen (habe jetzt 30 dieser Bilder am Handy, denn sie hat kein eigenes und weiß eigentlich nicht, wie das genau funktioniert). Wir gehen eine Weile neben einander her durch verlassene Ortschaften in denen niemand zu sehen ist und sogar das Wasser aus den Brunnen langsamer zu fließen scheint. Sie bietet mir Hasch an, ich lehne dankend ab, überlasse ihr aber Käse und Baguette. Am liebsten hätte ich ihr gleich meinen ganzen Rucksack und etwas Bargeld gegeben. Sie begleitet mich zu meiner Herberge – der ältesten auf dem Camino, wie ich erfahre – und wir setzen uns zu einem reizenden älteren deutschen Pärchen. Ich spendiere ihr noch ein Glas Rotwein und eine Tortilla de patata, die sie in 10 Sekunden aufgegessenen hat, aber sie besorgt vorher noch einen zweiten Teller, damit das deutsche Pärchen auch kosten kann. Dann legt sie 2 Euro auf den Tisch und will mich auf ein nächstes Glas Wein einladen. Der nette Deutsche erlöst uns aus der Misere und spendiert die nächste Runde. Ja, auch das ist der Camino. Das Kennenlernen verschiedenster Nationen und Kulturen, das wahrscheinlich auch ein Stück weit dazu beiträgt, dankbar und zufrieden weiter seines Weges zu gehen.

Ok, Koffer. Reden wir darüber. WAS genau ist Dein Problem?
Mein heutiger Tag: 23.57 km, 41430 Schritte (meine Uhr ist total verwirrt und meint, ich habe mein Tagesziel seit 2 Monaten erreicht), 2159 kcal
Erkenntnis des Tages: Es geht mir gut. Ich habe eine Familie, der es gut geht, wir sind gesund, und ich weiß, wo ich heute schlafen werde.






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