Puente la Reina – Estella

Der Tag beginnt holprig. Zu spät aufgewacht, deshalb keine Zeit mehr meine heutige Wegbeschreibung zu lesen. Schnell, schnell unter die Dusche, den Zweikampf mit meinem Koffer beende ich mit bloßer Gewalt. Er muss ja um 8 Uhr vor der Rezeption stehen, aber ich hoffe, der Kofferdienst wird nicht so pünktlich sein. Hetze um 5 nach 8 hinunter, Koffer abgeben, zum Frühstück. Noch mal zurück zur Rezeption, Schlüssel abgeben. Oh. Koffer ist schon weg! Glück gehabt. Die Rezeptionistin: „Madam, your passport!“ Huch! Wusste gar nicht, dass sie ihn hatte! Und am lost-and-found-Tisch: mein super-duper Stecken! Wo kommt der denn her? Also wieder zurück zum Frühstück. Das Croissant ist ein Industrie-Teil, das erkenn ich sofort. Trocken und zu süß, und eindeutig fehlt ihm die Liebe. Bekommt maximal eine 4. Dafür ist die Eierspeise sehr gut: saftig und cremig…. aber: nein, das führt jetzt zu weit! So starte ich also in meinen Tag 5.

Entlang des Weges trifft man immer wieder auf solch liebe Gesten für die Pilger. Ich nehme mir ein Brötchen und versuche nicht an die vielen Bakterien und Keime zu denken. – Niemals würde es mir einfallen beim Billa an der Wursttheke eine Kostprobe zu nehmen. Aber am Camino ist eben alles anders!




Zwischendurch komme ich immer wieder durch kleinere Orte und wundere mich: wo sind denn all die Menschen hin? Alles ausgestorben hier. Begegnet man einmal einer Katze, ist das fast schon eine Versammlung! Weiter nach Villatuerta geht es zwischen Weinberge hindurch und ich überhole zum zweiten Mal eine junge, hübsche Französin, die extrem langsam und vorsichtig unterwegs ist. Mit dem Tempo braucht sie zwei Jahre bis nach Santiago. Aber sie geht eh nur noch bis Samstag und hat Schmerzen am Knie. Ich biete ihr meinen Knieschlauch an. Da zeigt sie mir ihre wilde Pflasterkonstruktion von innen, über die Kniescheibe, nach außen, alles schon ganz zerwutzelt, die ist besser als der Kniestrumpf. Zumindest meine Voltadol nimmt sie an, schmiert gleich über das Pflaster drüber und wirft 2 Ibuprofen ein. Na, wenn das nicht wirkt! Wir verabschieden uns, und Eva schleicht weiter. Danach bin ich froh. Ich merke, helfen macht glücklich und spiele Hahn und Henne. Hinter mir reihen sich kahle Grashalme.

Wer verliert denn hier dauernd Beilagscheiben? Das ist schon die fünfte, die ich sehe.
Noch 4 Kilometer bis Estella. Langsam wird es mühsam. Zu meiner Freude fängt es kräftig an zu schütten und ein Sturm zieht auf. Ich krame mein Cape hervor und streife es über, bei dem Wind jedoch vollkommen zwecklos. Ich sehe aus wie ein fliegendes Plastiksackerl, bin vollkommen damit überfordert alle vier Zipfel hinunter zu halten und gleichzeitig auf den Weg zu schauen. Nein, das klappt so nicht. Cape wieder ausziehen, werd´ ich halt nass. Ist eh nicht mehr weit. Endlich in Estella angekommen gleich in eine Apotheke hinein und den Voltadol-Vorrat wieder auffüllen. In meinem Hotel beschließe ich nach einer Geruchskontrolle, dass heute mein Waschtag sein soll. Es gibt eine Laundry, ich hetze hin, das hätte ich mir aber sparen können, denn eine lange Schlange von gelangweilten Pilgern steht vor der einzigen Waschmaschine. Jeder in sein Handy vertieft…. ich frag nicht einmal und beschließe, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Nur: habt ihr schon einmal eine Wanderhose und -weste in einem Mini-Waschbecken gewaschen? Und was mache ich jetzt? Alles tropfnass. Wenn das bis morgen nicht trocken ist, hab ich ein Problem. Da entsinne ich mich eines Tipps von einem meiner zahlreichen Bücher: Hose mit Badetuch zusammen einrollen und darauf herum hüpfen. Ich hüpf halt. Und: schau an, fast trocken! Manche Leute sind wirklich gescheit. Jetzt noch Fußpflege, und: aua. Die erste Blase. Da probier ich gleich den nächsten Tipp aus: Blase aufstechen und Faden drin lassen. Vernähen tu ich nicht. Sieht lustig aus. Wozu das Ganze ist, weiß ich allerdings auch nicht. So, jetzt schnell essen gehen, morgen geht’s weiter.
Heutiger Tag: 27,66 Kilometer, 38.713 Schritte, 2455 kcal. Das Packerl Nüsse hab ich mir schon wieder abtrainiert!
Erkenntnis des Tages: anderen zu helfen macht dich selbst auch glücklich. (Ich hoffe, ich war Eva eine Hilfe und sie tanzt nicht noch immer im Drogenrausch irgendwo herum!)


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